Austauschbar.

Ich sitze am Küchentisch unserer WG und kritzle auf einem Stück Papier herum, das ich aus einer Zeitschrift herausgerissen habe.

Myriam_V3Salz und Olivenöl habe ich dort aufgeschrieben, neben den perfekt retuschierten Beinen irgendeines perfekt austauschbaren perfekten Models der aus der Zeitschrift gerissenen Werbung, das einst wohl Gartenstühle oder Autos oder Burger oder sonst irgendein Produkt beworben hat, das unbedingt nackte Frauen braucht, um sich zu verkaufen.

Jetzt bewirbt sie den Einkauf unserer WG.

Wollen Sie Salz?! Hier, nehmen Sie vorerst perfekte, orangebraune Plastikbeine! Sie benötigen Olivenöl?! Versuchen Sie es mait unerreichbar glatten BEINEN! BEINE!

Meine Mitbewohnerin reißt mich aus meinen Gedanken.

Wir brauchen noch Waschmittel.”

“ICH HAB SELBER BEINE! DIE SIND VOLL OKAY UND WEISS!”, schreie ich ihr panisch entgegen.

Sie nickt, während sie in den Kühlschrank guckt. “Und vergiss nicht, eine Extrastunde bei deiner Therapeutin aufzuschreiben.”

Ich nicke und schreibe brav auf.

Bevor ich die Haustüre hinter mir zuziehen kann, um in den Supermarkt um die Ecke zu gehen, ruft sie mir noch etwas hinterher:

Achja und Beziehungen sind aus! Kannst du da noch was mitbringen? Danke!

Verdattert bleibe ich im Flur stehen. “Wa… was? Was bestimmtes?”

Ich höre die unbedarfte, fröhliche Stimme meiner Mitbewohnerin. “Nö, ist egal. Danke!”

 

Bestimmt gibt es im Supermarkt bald neben der Käsetheke einen weiteren Verkaufsstand: Die Austauschbar.

 

Dort findet man potentielle Partner, preiswert und verfügbar, hübsch und nett… und so, so austauschbar.

Was mir momentan Panik, Herzrasen und Verzweiflung bereitet, sind ausnahmsweise nicht Momente sozialer Interaktion (bloß schnell bezahlen an der Kasse, bloß nicht nach den passenden zehn Cent suchen, bloß die Plastiktüte aufkriegen!) oder meine Zukunft (Literatur. Myri, wieso hast du nicht gleich Philosophie oder Kunstgeschichte des 18. Jahrhunderts studiert?! Wenn schon Underdog, dann richtig!), sondern Momente menschlicher Austauschbarkeit.

 

In letzter Zeit sind in meinem Freundeskreis beinahe alle Beziehungen gescheitert, von Bekannten höre ich, wer seine oder seinen Ex wie schnell ersetzt hat, wer wem nur zwei Stunden nachgetrauert hat und wer seine Freundin und ihr Aussehen während der Beziehung sehr nüchtern analysiert, wer eigentlich nur aus Angst vor dem Alleinsein zusammen ist.

Und ich bekomme panische Angst vor Beziehungen.

Vielleicht bin ich ja auch nur eine Option in der Austauschbar. Als Ex-Ersatz akzeptabel. Oder ein netter Zeitvertreib. Möglicherweise ist man zwei Minuten nach der Trennung über mich hinweg und hat jemand neuen.

 

Ich will kein ersetzbares Produkt sein. Ich bin noch egozentrisch und naiv genug, “DIE EINE” sein zu wollen, die oder keine. Nicht “Die und wenn's nicht klappt, hab ich den Kassenzettel noch, die gab's glaube ich auch noch in blond.”

 

Bis ich sicher bin, etwas Wahres gefunden zu haben, trete ich in Streik. Beziehungs-Streik. Affären-Streik. Austauschbar-Streik.

Nicht, dass viele von dem Streik betroffen wäre… aber es fühlt sich so gut an, bewusst nein zu etwas zu sagen, das man so sehr will, dass man es auch kaputt, falsch, minderwertig oder schmerzhaft akzeptiert.

Selbst bei Schuhen bin ich anspruchsvoller, wieso also nicht bei Liebe?

Ich trete in Streik. Und es fühlt sich so befreiend an.

Foto: "Anna Meik" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

5 Comments

  • August 9, 2014

    Anja

    Du sprichst mir aus der Seele! Aber sind nicht die meisten Beziehungen austauschbar, weil die meisten Menschen austauschbar sind? Kaum jemand will gerne Ecken und Kanten haben, jeder möchte möglichst unauffällig durch’s Leben gehen, bloß nicht auffallen und am Ende trotzdem bitte etwas Besonderes sein. Und wenn man zu kompliziert oder zu anstrengend ist, wird man weggeworfen – ob nun aus dem Einkaufskatalog oder aus der Beziehung. Ich sage deshalb nicht nein zu Beziehungen oder Affären. Ich sage nein zu austauschbaren, durchschnittlichen, stinknormalen Menschen. Für alles andere ist mir mein Herz und meine Zeit zu schade, da bleibe ich lieber alleine. Und mit dieser Einstellung lebe ich ganz gut. Nein sagen tut gut und ist wichtig und richtig. Du solltest nur dabei nicht vergessen, zu den richtigen Menschen Ja zu sagen.

  • August 12, 2014

    Myriam

    Danke für eure schönen Antworten :)

    Ja, mich macht das auch oft traurig. Ich will einfach richtige Liebe, nicht Hauptsache irgendwen haben.
    Das erschwert die Suche nur noch mehr, aber macht das Finden dann soooo viel besser :)

  • Januar 9, 2016

    Lisa

    Liebe Myriam!
    Ich hab erst vor kurzem euren Blog entdeckt. Ich bin ganz begeistert von deinen Kolumnen, dein Schreibstil ist so ehrlich und frech, so “anders” im positiven, es macht richtig Spaß sie zu lesen und sich bei manchen deiner Gedanken selbst zu erkennen! Da ich selbst sehr gerne Geschichten schreibe und viele Ideen und Gedanken im Kopf haben, mir aber nicht immer sicher bin, ob es ok diese Themen anzusprechen bzw. über sie zu schreiben (ich bin 16), bestärkt mich deine Schreibstil mich doch zu trauen…
    Besonders diese Kolumne spricht mir aus dem Herzen, man möchte die lang Gesuchte sein, nicht irgendeine unter vielen. Da bleibt man lieber alleine, als nur benutzt und wieder “weggeworfen” zu werden…
    Ich bin gespannt auf deine nächste Kolumne.
    Liebe Grüße!
    Lisa