Ehrlichkeit.

Gerade habe ich fasziniert einen Beitrag in der neuesten Glamour über Geheimnisse der Leser gelesen. Und gestaunt. Enthüllende Ehrlichkeit finde ich so faszinierend und erstrebenswert, dass ich sie am liebsten anstarre, als könne ich sie greifen.

Es gab bereits tausende Momente in meinem Leben, in denen ich mir alleine vorkam, als wäre ich die einzige, die das gerade fühlen und durchmachen muss, in denen ich beinahe kapituliert hätte, da ich mir nicht vorstellen konnte, dass ich das überstehe, denn in meiner Vorstellung hatte niemand es je überstanden.

 

Und wieso? Weil niemand ehrlich war.

Weil es weggelacht wurde, dass man die Klausur zum zweiten Mal nicht bestanden hatte und einen nachts Zukunftsängste wach hielten. Weil die Unzufriedenheit über die eigenen Pausbäckchen runtergeschluckt und in die eigenen Kissen geweint wurde, anstatt einmal zu sagen “Ich finde mich hässlich, geht dir das auch manchmal so?”.

Weil es sich nicht gut auf Dinnerparties damit angeben lässt, dass man sich noch nicht umgebracht hat, obwohl es manchmal ironischerweise der einzige Gedanke ist, der einen durch den Tag bringt.

Weil man nicht einmal aus dem eigenen Mund hören möchte, dass man noch nicht über seine letzte Beziehung hinweg ist und sich nicht sicher ist, ob da wirklich nochmal jemand kommt, der einen so fühlen lässt.

Weil Zugeben leider nicht unsere Stärke ist. Und weil pure Ehrlichkeit bei Dingen, die einen belasten, manchmal ausgesprochen noch viel bitterer klingt.

 

Als ich mich vor wenigen Tagen mit einer Freundin durch die Schnaps-Karte einer unserer Lieblingsbars probierte, hatte ich so viel bitteres getrunken, dass die Wahrheit auch nicht viel schlimmer sein konnte.

Und wie oft wir uns gegenseitig “Ich auch! Ich dachte, ich sei die Einzige!” zu jauchzten, war so faszinierend und heilsam wie die Ehrlichkeit selbst.

 

Deswegen möchte ich euch hiermit einige Wahrheiten zum Jahresende schenken, die ich nicht immer leicht aussprechen kann, in der Hoffnung, dass manche von euch vielleicht den Mut finden, Dinge auszusprechen, die ihnen weh tun, die sie isolieren, die sie nachts quälen und morgens nur schwer aus dem Bett kommen lassen.

 

1. Wenn ich traurig bin und Zukunftsängste habe und innerlich resigniere, höre ich auf, meinen Müll zu trennen. Dann esse ich plötzlich wieder Milchprodukte und Fisch, dusche drei Tage lang nicht, schwänze meine Vorlesungen und kaufe Produkte von Firmen, die absolut problematisch sind. Dann ist mir die Zukunft eh egal.

 

 

2. Ich masturbiere manchmal zu der Vorstellung, wie ich einmal den Nobelpreis für Literatur gewinne. Ich weiß schon, was für ein Kleid ich tragen würde, welchen Lippenstift auf den Lippen und wie verdammt überzeugt von mir selbst ich die Treppen zur Bühne hinaufschreiten würde, um meine geniale Rede zu halten. Diese Vorstellung macht mich mehr an als es je ein Mann oder eine Frau könnte.

 

 

3. Wie ich oben bereits aufgedeckt habe, lese ich manchmal absolut banale Frauenzeitschriften, obwohl sie immer wieder dasselbe beinhalten. Ich hoffe jedes Mal trotzdem, dass in dieser einen quietschbunten Zeitschrift die Lösung für all meine Probleme zu finden ist. Und das für nur zwei Euro, was will man mehr?

 

4. Wenn ich Klamotten kaufe, lasse ich bei für mich akzeptablen Größen die Etiketten in der Kleidung. Zu große Größenangaben führen dazu, dass das Schildchen rausgeschnitten wird. Meine Mutter macht dasselbe. Und wenn ich mir mal Klamotten von ihr ausleihe und wissen möchte, was für eine Größe das ist, muss ich bloß gucken, ob das Schildchen noch in dem Shirt ist oder nicht. Wenn nicht, gucke ich sie wissend an und frage verschwörerisch “Größe XL, oder?”. Wir nicken dann immer beide wie Geheimagenten.

 

 

5. Manchmal ist mir das Leben zu viel. Dann weiß ich nicht, wie andere Menschen diese Vielfalt und Intensität an Gefühlen aushalten können. Ich fühle mich, als hätte man mir die Haut lebendig vom Leib gezogen und würde dann erwarten, dass ich täglich in einer Wanne voll Salz bade.

Ich dachte immer, ich sei die Einzige, die manchmal so fühlt. Bis ich es ausgesprochen habe.

 

Manchmal hilft das schon, dass sich alles nicht so viel zu viel anfühlt.

Foto: Unsplash / CC0

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